die anzeige

30 März 2008

als er aufwachte, fiel es ihm nicht sofort auf. erst als der tag etwas fortschritt, bemerkte er, dass man ihn schon wieder bestohlen hatte. er war es satt. er war es so satt. immer wieder passierte ihm das. ok, auch anderen ging es nicht besser. aber jetzt hatte er endgültig die nase voll davon. er würde sich das nicht länger gefallen lassen. er würde sich nicht immer wieder vertrösten lassen. er würde auf der stelle etwas dagegen unternehmen. dieses mal würde er anzeige erstatten. er würde nicht schon wieder ein halbes jahr warten, bis er die gestohlene stunde zurück bekäme.

habe heute allen freunden abgesagt. keine zeit. sitze schon seit stunden vor dem computer. und auf heißen kohlen. zum 17. mal klicke ich auf das selbe icon auf meinem desktop. zum 17. mal hacke ich nervös in meine tastatur. zum 17. mal tippe ich die selben buchstaben ein. zum 17. mal in der selben reihenfolge.

da. die seite lädt. das weiß ich, weil mein computer mir das sagt. also er sagt es nicht wirklich. ist eher ein wenig sprechfaul. mag daran liegen, dass ich ihm zu wenig aufmerksamkeit schenke. oder weil ich ihn oft haue. er kann aber auch ganz schön rumzicken. wie letztens. ein paar programme hier, ein download da. dann während dem speichervorgang die externe festplatte entfernt. und was macht er? zickt rum. man kann sich auch anstellen.

als meine augen die bunten buchstaben erblicken, beginnt mein puls zu rasen. meine hand zittert. schnell noch angemeldet und dann den link geklickt. da ist er. der grund für meine nervösen nerven. der grund für meine schroffe art vorhin am telefon. als paul mich anrief und von seiner neuen flamme erzählte. mir stundenlang die ohren vollsäuselte. mich nach endlosen 11 minuten fragte, ob ich nicht lust hätte, mit ihm und ihr einen kaffee in der stadt trinken zu gehen. ich lehnte ab. könnte mich jetzt noch für meine ehrliche antwort ohrfeigen. warum habe ich ihm nicht erzählt, meine ur-großmutter sei spontan zu besuch gekommen. warum habe ich ihm nicht vorgemacht, ich hätte einen fürchterlichen migräneanfall. das klappt doch sonst auch immer. aber nein. ich musste ja ehrlich sein. ich musste ihm ja den wahren grund nennen. er lachte schallend. ich blaffte ihn an. dann hörte er nur noch ein klicken in der leitung.

ich muss jetzt aufmerksam sein. mein tun will jetzt sehr überlegt sein. bloß nichts überstürzen. aber auch nicht zu lange zögern. ist mir nämlich auch schon passiert. damals war ich genauso aufgeregt. habe drei stunden nichts anderes anschauen können. mich voll auf das ereignis konzentriert. auf diesen einen moment. musste zum schluss dann doch recht dringend ins bad. als ich zurück kam, war’s zu spät. zu lange gezögert eben.

heute wird mir das nicht passieren. habe vorsichtshalber nichts getrunken. glaube nicht, dass es mir sonderlich schadet. rauche dafür umso mehr. das gleicht sich schon irgendwie aus. und die tafel schokolade ist auch schon leer. vor lauter plauderei vergesse ich völlig die zeit. man wartet auf meinen einsatz. um es nicht wieder zu versemmeln, heute mal etwas eher. bin froh, wenn das rum ist. endlich wieder ruhig schlafen können. das wünsche ich mir, seitdem ich auf diesen moment warte. auf diese letzte minute.

es ist soweit. die minute, auf die ich seit tagen warte, hat begonnen. die längste minute meines lebens. mindestens drei mal pro sekunde klicke ich auf den button ‘aktualisieren’. bin der meister im schnellklicken. hab das jahrelang geübt. das kommt mir heute zugute. endlich. nach dem vierten klick wieder eine sekunde vorbei. irgendwie scheinen sie heute langsamer zu vergehen. ich höre meinen dreitagebart wachsen. immer noch bin ich oben auf. habe mich mit meinem einsatz auch ganz schön ins zeug gelegt. mich selbst übertroffen. kaum dass ich noch einen gedanken daran verschwende, sind die nächsten sekunden vorüber. wie lange so eine minute wohl maximal dauern kann? 2 stunden? vielleicht 3? wenn man sie richtig zieht sogar noch länger.

mein finger schmerzt. mein speichelfluss pausiert. meine augen nehmen das bleu nur noch verschwommen war. oben links blinken die bunten buchstaben. ich maltretiere weiter meine maus. aber nichts tut sich. die zeit scheint still zu stehen. zickt mein computer wieder rum? hat die welt aufgehört sich zu drehen? für mich auf jeden fall. selbst mein herz hört auf zu schlagen. nur mein puls, der rast weiter. unbeirrt.

die ganze aufregung war umsonst. der cursor hatte sich nur davon gemacht. als ich ihn wieder positioniert habe, kommen die anderen immer näher. doch sie werden mich nicht kriegen. das habe ich mir geschworen. diesmal nicht. koste es, was es wolle. dafür habe ich früh genug gesorgt.

dann der letzte klick. die letzte sekunde. das bild ändert sich. meine müden augen registrieren es nicht auf anhieb. erst langsam begreift auch mein kleinhirn, was die aneinander gereihten buchstaben auf meinem bildschirm bedeuten: “herzlichen glückwunsch. sie haben die auktion gewonnen.”

es ist kurz nach sechs. ich stecke den schlüssel ins türschloss. drehe ihn rum und öffne die tür. meine wohnung liegt im dunkeln. ich taste nach dem lichtschalter. drücke ihn. das licht bleibt aus. die wohnung im dunkeln. mit 2 papiertüten voller lebensmittel fluche ich vor mich hin. schon wieder die sicherung. scheiß haus.

ich stelle die tüten in der ecke ab. betrete die wohnung. die tür schließt sich hinter mir. war ich das? kann mich nicht erinnern, sie zugemacht zu haben. war ein langer tag. mein kopf wiegt irgendwie mehr als heute morgen. und heiß ist er auch. scheiß job.

mit ausgestreckten armen schleiche ich wie ein schlafwandler durch meine wohnung. bilde mir ein, mehr zu sehen, je weiter ich die augen aufreiße. achte auf jeden schatten und stoße mir dann doch den fuß an einer metallskulptur. ein kurzes ‘klong’, dann ein ‘autsch’, dicht gefolgt von einem lauten ’scheiße’. der schmerz lässt nicht lange auf sich warten. das blut auch nicht. scheiß skulptur.

nachdem ich mich wieder erhoben habe, nehme ich erneut die schlafwandlerpose ein und gehe mit mäuseschritten durch meine riesige einzimmer-wohnung. bin am anderen ende angekommen und streichle die wand. die rauhfasertapete fühlt sich an wie meine fußsohle. da fällt mir ein, was ich vergessen habe einzukaufen. fußpeeling. scheiß einkaufszettel.

meine hand streichelt immer noch die wand. fast bilde ich mir ein, sie lesen zu können. wie in einem buch für blinde. könnte ich brailleschrift, müsste ich keine bücher mehr kaufen. einfach zum nächsten baumarkt, wohnung neu tapeziert und vor die wand gestellt. was für ein schmöker. da. da war was. ein absatz? ein neues kapitel? nein. der stromkasten. ich öffne die klappe und schiebe den schalter nach oben. das licht geht an. meine augen hatten sich gerade an die dunkelheit gewöhnt. und an die brailleschrift an meiner wand. scheiß roman.

ich schließe die klappe. drehe mich rum. traue meinen augen nicht. das ist nicht meine wohnung. das ist überhaupt keine wohnung. das ist ein bad. ich stehe in einem bad. warum verflucht nochmal stehe ich in einem bad? ich setze mich auf den rand der badewanne. lasse meine augen schweifen. die wände sind tapeziert. mit rauhfasertapete. nur die decke ist gekachelt. in dunkelgrün. mit seesternen in weiß. die badewanne ist ebenfalls weiß. die toilette befindet sich in einer ecke. sie ist knallrot gestrichen. gefällt mir nicht. aber das ist nebensächlich. die ganze situation gefällt mir nicht. scheiß situation.

in einer ecke entdecke ich meine einkaufstüten. sie stehen in der dusche. eine verfahrene sache - eine dusche hinter der eingangstür. es gelingt mir, den raum im ganzen wahrzunehmen und die situation als gegeben hinzunehmen. ich schätze den raum auf vier mal 6 meter. kein fenster. ich hasse bäder ohne fenster. vor allem, wenn sie so klein sind. von der eingangstür betrachtet befindet sich die dusche in der rechten ecke. in der linken ecke gegenüber steht das klo. das rote klo. sieht aus wie eine notausgangstür. witziger gedanke, aus einem bad ohne fenster durch ein rotes klo zu flüchten. muss man selbst abziehen? scheiß gedanke.

die badewanne bildet das zentrum. steht auf goldenen füßen. passen locker 3 bis vier menschen rein. aber ohne blubber. ich liebe whirlpools. hab leider keinen. die badewanne scheint mir viel zu groß. wer will schon mit 3 anderen menschen in einer wanne hocken? seid still. ich will es nicht wissen. das sind sachen, davon will ich nix hören. sowas sollte man für sich behalten. scheiß sexisten.

plötzlich ein geräusch. es klingt, als würde es regnen. nein. doch. nein. es tropft in der dusche. mist. meine einkäufe. ich renne durch den raum zur dusche. will den wasserhahn abstellen. es gelingt mir nicht. immer schneller fallen die tropfen von oben herab. ich stehe jetzt in der dusche. schraube am duschkopf rum. nichts passiert. im gegenteil. das wasser fließt jetzt in strömen auf mich herab. ich muss meine augen schließen, sonst tropft es mir auf die linse. wieder und wieder versuche ich meine augen zu öffnen. und wieder und wieder sehe ich den tropfen genau auf mich zu rasen. das tropfen klingt jetzt plötzlich anders. und ganz nebenbei nehme ich auch ein grummeln wahr. und da. wie aus dem nichts ein blitz. ich reiße meine augen auf. knie mich aufs bett. schließe mein fenster. schon wieder vergessen. scheiß traum.

ganz langsam bewegen sie sich. alle in die gleiche richtung. dann stoppen sie wieder. aber nur für einen kleinen augenblick. kaum hat man sich versehen, geht es auch schon weiter. erst der erste. dann der zweite. und dicht hinter ihm der dritte. dann der nächste. wie perlen an einer schnur bewegen sie sich stumpfsinnig in ein und die gleiche richtung. nicht alle haben das gleiche ziel. bestimmt werden sie sich da hinten trennen. aber bis es soweit ist, bleibt die richtung die gleiche. im sonnenlicht schimmern sie fast wie goldfische. große goldfische. eckige goldfische. wenn auch nicht alle. und im dunkeln leuchten sie wie glühwürmchen. nur größer. und berechenbarer. wenn auch nur ein wenig. fast könnte man meinen, sie bildeten eine einheit. von weitem sehen sie bestimmt aus wie eine schlange. endlich. es geht weiter. ich nehme den fuß von der kupplung und rolle wieder ein paar meter vor.

regentropfen fallen auf mein dachfenster. laufen langsam hinunter. während der erste tropfen noch die gesamtheit der fensterfläche abläuft, fällt schon der zweite tropfen. dann ein dritter. ein vierter. irgendwann höre ich auf zu zählen. macht ja auch keinen sinn. wer zählt schon regentropfen. obwohl manche menschen ja auch schafe zählen. macht auch keinen sinn. egal. heute höre ich auf zu zählen. vielleicht beim nächsten mal. grundsätzlich ist regenwetter ja eine tolle sache. grau in grau, der wolkenverhangene himmel, die bereits erwähnten regentropfen, die aus dem nichts zu kommen scheinen. all das hält einen davon ab, vor die tür zu gehen. endlich hat man einen grund, das haus nicht verlassen zu müssen. endlich hat man eine gute ausrede, sich in gemütlicher kleidung ausgiebig dem langzeitliegen auf der couch zu widmen. dem alcantarastöffchen einen dauerstrapaziertest zu verpassen. die sowieso schon schlaffe gesäßmuskulatur breit zu liegen. und während man so da liegt das televisionsgerät laufen zu lassen. sämtliche serien, filme und quizsendungen mit den augen zu inhalieren. alle 142 programme im schnelldurchlauf durchzuzappen und sich am ende die frage zu stellen, ob man es nicht noch schneller kann. was für ein glück, dass es regnet. und dieser ehrlich wirkende actimeltrinkende wettermann aus dem öffentlich-rechtlichen fernsehen meint, dass es noch länger so bleiben soll. meine couch freut sich. bleibe ich ihr doch treu und werde sie nur dann verlassen, wenn es sich überhaupt nicht mehr vermeiden lässt. da erwischt mich plötzlich einer dieser herumspukenden gedanken. einer von der sorte, die einem ständig im kopf herumspuken und nicht weggehen wollen. einer, der immer mal wieder da ist, aber sich ganz raffiniert verstecken kann, wenn ich das will. diesmal ist es der “lies doch mal ein buch”-gedanke. tz. der war doch letztens erst da, denke ich noch. und da huscht er schon wieder an einer meiner synapsen vorbei und bringt mich dazu, meinen blick in richtung bücherregal zu wenden. die anstrengung dieser abrupten bewegung bringt mich zum gähnen. ich muss mich ausruhen. mein arm senkt sich und mir rutscht die fernbedienung fast aus der hand. ich versuche noch, mich auf die seite zu drehen. da fallen mir schon die augen zu. ich nehme nur noch dumpf die tropfen auf meinem dachfenster wahr. die frau im fernseher schreit ihren freund an. ihre freundin hätte sie noch nie angelogen und wenn sie sage, sie hätte gesehen, wie er mit der schlampe aus dem nachbardorf rummacht, dann würde sie das glauben. ihre mutter hätte von anfang an recht gehabt, er sei ein riesen arschloch und hätte außerdem einen viel zu kleinen ***. ich kann es nicht verstehen, der sender hat das wort weggepiept. ich kann nur vermuten, was sie gesagt hat. während ich dieses telegene pärchen seinen problemen überlasse, verabschieden sich nun auch meine restlichen sinnesorgane. mein körper verschmelzt mit der couch. meine haut fühlt sich genauso an wie der bezug meines sofas. wenn ich noch sehen könnte, würde ich feststellen, dass selbst meine hautfarbe sich dem stoff anpasst. ein leichtes grün mit floralem muster steht mir sicherlich. und wenn nicht, auch egal. regnet ja doch andauernd. ich muss also nicht vor die tür. und da alle menschen so denken, kommt auch keiner auf den wahnwitzigen gedanken, mich zu besuchen. während ich so darüber nachdenke, welches hemd wohl am besten zu meinem neuen teint passt, entziehe ich mich dem wachzustand. hoffentlich regnet es noch, wenn ich in ein paar stunden wach werde. sonst müsste ich doch noch vor die tür.