die längste minute meines lebens
25 März 2008
habe heute allen freunden abgesagt. keine zeit. sitze schon seit stunden vor dem computer. und auf heißen kohlen. zum 17. mal klicke ich auf das selbe icon auf meinem desktop. zum 17. mal hacke ich nervös in meine tastatur. zum 17. mal tippe ich die selben buchstaben ein. zum 17. mal in der selben reihenfolge.
da. die seite lädt. das weiß ich, weil mein computer mir das sagt. also er sagt es nicht wirklich. ist eher ein wenig sprechfaul. mag daran liegen, dass ich ihm zu wenig aufmerksamkeit schenke. oder weil ich ihn oft haue. er kann aber auch ganz schön rumzicken. wie letztens. ein paar programme hier, ein download da. dann während dem speichervorgang die externe festplatte entfernt. und was macht er? zickt rum. man kann sich auch anstellen.
als meine augen die bunten buchstaben erblicken, beginnt mein puls zu rasen. meine hand zittert. schnell noch angemeldet und dann den link geklickt. da ist er. der grund für meine nervösen nerven. der grund für meine schroffe art vorhin am telefon. als paul mich anrief und von seiner neuen flamme erzählte. mir stundenlang die ohren vollsäuselte. mich nach endlosen 11 minuten fragte, ob ich nicht lust hätte, mit ihm und ihr einen kaffee in der stadt trinken zu gehen. ich lehnte ab. könnte mich jetzt noch für meine ehrliche antwort ohrfeigen. warum habe ich ihm nicht erzählt, meine ur-großmutter sei spontan zu besuch gekommen. warum habe ich ihm nicht vorgemacht, ich hätte einen fürchterlichen migräneanfall. das klappt doch sonst auch immer. aber nein. ich musste ja ehrlich sein. ich musste ihm ja den wahren grund nennen. er lachte schallend. ich blaffte ihn an. dann hörte er nur noch ein klicken in der leitung.
ich muss jetzt aufmerksam sein. mein tun will jetzt sehr überlegt sein. bloß nichts überstürzen. aber auch nicht zu lange zögern. ist mir nämlich auch schon passiert. damals war ich genauso aufgeregt. habe drei stunden nichts anderes anschauen können. mich voll auf das ereignis konzentriert. auf diesen einen moment. musste zum schluss dann doch recht dringend ins bad. als ich zurück kam, war’s zu spät. zu lange gezögert eben.
heute wird mir das nicht passieren. habe vorsichtshalber nichts getrunken. glaube nicht, dass es mir sonderlich schadet. rauche dafür umso mehr. das gleicht sich schon irgendwie aus. und die tafel schokolade ist auch schon leer. vor lauter plauderei vergesse ich völlig die zeit. man wartet auf meinen einsatz. um es nicht wieder zu versemmeln, heute mal etwas eher. bin froh, wenn das rum ist. endlich wieder ruhig schlafen können. das wünsche ich mir, seitdem ich auf diesen moment warte. auf diese letzte minute.
es ist soweit. die minute, auf die ich seit tagen warte, hat begonnen. die längste minute meines lebens. mindestens drei mal pro sekunde klicke ich auf den button ‘aktualisieren’. bin der meister im schnellklicken. hab das jahrelang geübt. das kommt mir heute zugute. endlich. nach dem vierten klick wieder eine sekunde vorbei. irgendwie scheinen sie heute langsamer zu vergehen. ich höre meinen dreitagebart wachsen. immer noch bin ich oben auf. habe mich mit meinem einsatz auch ganz schön ins zeug gelegt. mich selbst übertroffen. kaum dass ich noch einen gedanken daran verschwende, sind die nächsten sekunden vorüber. wie lange so eine minute wohl maximal dauern kann? 2 stunden? vielleicht 3? wenn man sie richtig zieht sogar noch länger.
mein finger schmerzt. mein speichelfluss pausiert. meine augen nehmen das bleu nur noch verschwommen war. oben links blinken die bunten buchstaben. ich maltretiere weiter meine maus. aber nichts tut sich. die zeit scheint still zu stehen. zickt mein computer wieder rum? hat die welt aufgehört sich zu drehen? für mich auf jeden fall. selbst mein herz hört auf zu schlagen. nur mein puls, der rast weiter. unbeirrt.
die ganze aufregung war umsonst. der cursor hatte sich nur davon gemacht. als ich ihn wieder positioniert habe, kommen die anderen immer näher. doch sie werden mich nicht kriegen. das habe ich mir geschworen. diesmal nicht. koste es, was es wolle. dafür habe ich früh genug gesorgt.
dann der letzte klick. die letzte sekunde. das bild ändert sich. meine müden augen registrieren es nicht auf anhieb. erst langsam begreift auch mein kleinhirn, was die aneinander gereihten buchstaben auf meinem bildschirm bedeuten: „herzlichen glückwunsch. sie haben die auktion gewonnen.“